Interview

«Kunst ist, etwas zu betrachten.»

Joëlle Bischof und Robin Lütolf sind ein Duo und sie machen Kunst. Gemeinsam tüfteln sie an Konzepten. Gemeinsam stellen sie auch aus. Wie sie von einer Idee zur Installation kommen und was das für sie bedeutet, verrieten sie im Interview – über Zoom.

Bild: Robin Lütolf und Joëlle Bischof in ihrem Atelier in Winznau.
Foto: Selbstauslöser.

Robin Lütolf: Ich hoffe wir können etwas Spannendes erzählen.

Melissa Jetzer: Ich habe ganz einfache Fragen.

RL: Sind einfache Fragen nicht schwierig zu beantworten?

MJ: Finden wir’s heraus. Erste Frage: Wo befindet ihr euch gerade?

RL: Mein Bett ist mein Büro und deshalb bin ich in meinem Bett.

Joëlle Bischof: Dein Bett ist dein Leben. (lacht) Ich sitze übrigens neben meinem Bett, angelehnt an mein Bett. Ich sitze nicht mehr gerne an meinem Schreibtisch. Die Wandsicht schränkt mich ein. Ich sitze auf einem sexy Luftkissen.

MJ: Und wo seid ihr geografisch?

JB: Beide in Bern.

MJ: Nutzt ihr euer Atelier in Winznau noch?

JB: Wir nutzen das Atelier meistens alleine, das aber regelmässig. Wenn wir mal zu zweit da sind, arbeiten wir meistens explizit an einer Sache oder beide für uns alleine.

RL: Wir waren in letzter Zeit viel zu zweit unterwegs. In solchen Phasen sind wir dann weniger gemeinsam im Atelier. Es ist ein spezieller Ort – in einem Wohnquartier. Dort ist es manchmal lustig und oft inspirierend. Obwohl ich da aufgewachsen bin, ist der Ort für mich wie ein Modell. Er hat so wenig mit meinem sonstigen Leben zu tun, dass ich manchmal das Gefühl habe, das ist alles inszeniert. Wahrscheinlich ist es aber eher umgekehrt. Mal bin ich gerne dort und manchmal will ich nur noch wieder weg.

JB: Ich habe sehr oft einen Desperate-Housewives-Moment, denn das Nachbarshaus hat einen tollen und gepflegten Garten, mit einem Sitzplatz und einem Rosenbogen darüber ragend. Es ist schön, daran vorbeizugehen. Ich frag mich auch oft, was hinter solchen Fassaden steckt.

MJ: Ist es eine Inspirationsquelle für euch?

JB: Ja, schon. Ich mache nirgends so viele Fotos wie in Winznau. Es hat definitiv eine Ästhetik. Nur schon die Heckenpflanzen in eine kunstvolle Form zu bringen, ist faszinierend. Man könnte sich darüber lustig machen, aber die Leute machen sich so viele Gedanken darüber und investieren so viel Zeit darin, ich finde es toll.

RL: Es ist vor allem unterhaltsam. Joëlle kam kürzlich zu mir und meinte: «Kann bitte mal jemand dieses Schwein aus dem Krokodil nehmen?» Das würde nie jemand sagen, wenn dieser Ort nicht existieren würde. Für den Kontext: Im Nachbarsgarten hat es ein Keramikkrokodil und in dessen Maul hatte es ein Keramikschwein.

JB: Und es hatte eben immer wieder etwas Neues in diesem Krokodilmaul. Kürzlich lag zum Beispiel ein leerer To-Go-Kaffeebecher darin. Ich frag mich dann immer, wer sowas macht.

Bild: “Neon Tales” hiess die interaktive Installation an der Ausstellung “Last Words from the Periphery” auf dem Werkerei-Areal in Zürich.
Foto: Joëlle Bischof und Robin Lütolf.

MJ: Arbeitet ihr momentan mehr über Onlinekanäle zusammen?

JB: Wir treffen uns schon in real, momentan jedoch meist in Bern.

RL: Ich glaube, wir können nicht sehr gut online zusammenarbeiten. Es braucht den persönlichen Kontakt.

JB: Ich bin sehr schlecht im Zoomen.

MJ: Wie arbeitet ihr zusammen? Habt ihr eine gewisse Rollenverteilung?

JB: Mega unterschiedlich. Oft funktioniert es sehr gut, ohne sich gross absprechen zu müssen. Beim letzten Projekt führte dies jedoch genau zu Problemen. Jedoch macht es manchmal auch Sinn, gewisse Arbeitsbereiche klar untereinander aufzuteilen, sonst blockiert man sich gegenseitig.

RL: Das Wort «Rollen» trifft es ganz gut. Je nach Projekt nimmt man wirklich eine bestimmte Rolle ein. Es gibt Sachen, die Ich nicht kann und dafür Joëlle richtig gut ist und umgekehrt.

MJ: Zum Beispiel?

RL: Joëlle? (lacht)

JB: Das hast du dir jetzt selber eingebrockt! (lacht)

RL: Wenn es um technische Sachen geht, bin meist ich derjenige, der weiss, wie man es umsetzen kann. Ich habe jedoch das Gefühl, dass Joëlle diejenige ist, die meistens die Idee bringt, die zu Beginn auch mal nicht so realistisch aussieht und dann muss man das in eine Form bekommen, die umsetzbar ist. Ausserdem hat Joëlle kritisches Denken eher im Griff als ich. Oft sind wir uns zu Beginn eines Projekts lange uneinig. Also bringen wir beide jeweils Ideen, die dann oft erstmal abgelehnt werden, bis wir etwas gefunden haben, das umsetzbar ist.

JB: Genau! Wir haben gemerkt, dass gemeinsames Brainstormen nicht erfolgreich für uns ist. Die Ideen, die wir einbringen und meist verneint werden, bringen uns jedoch in eine Richtung, in der wir uns irgendwann einig sind.

MJ: Welches war euer letztes Projekt?

JB: Das war eine Kooperation innerhalb unseres Artist-Run-Projekts «Eisenbricht». Nämlich an der Ausstellung «Last words from the periphery» auf dem Werkerei-Areal in Zürich. Wir wurden da von den Künstlern und Kuratoren Benjamin Massa und Rocco de Filippo als Duo eingeladen, durften dann aber auch unser Artist-Run-Projekt zeigen, bei dem Künstler*innen aus verschiedensten Disziplinen gemeinsam ein raumbezogenes Projekt erarbeiteten. Als Duo installierten wir die Arbeit «Neon Tales», wenn ich mich nicht irre.

RL: Als Duo haben wir grad mehrere Arbeiten, die alle was miteinander zu tun hatten. Es sind alles interaktive Arbeiten, die das Publikum auffordern, wenn nicht sogar zwingen, sich selbst und andere zu beobachten.

MJ: Wie viele?

JB: «Neon Schwarm» war die erste Arbeit und wurde an der JKON ausgestellt. «Late Night Tales» wird nun nach «Neon Tales» weiterführend sein.

Bild: “Neon Schwarm” wurde an der JKON 2020 ausgestellt.
Foto: Joëlle Bischof und Robin Lütolf.

MJ: Arbeitet ihr oft in Serien?

JB: Bis jetzt schon und es wird wahrscheinlich auch weiterhin unser Stil sein. Es ist spannend, Arbeiten weiterzudenken und sie in verschiedenen Räumen wirken zu sehen.

RL: Mir passiert das mit allem irgendwie. In unseren Duo-Arbeiten stecken Ideen und Begebenheiten, die mich vorher schon beschäftigten.

JB: Genau! Man merkt auch oft erst im Nachhinein, dass man sich zum Beispiel im Studium auch schon damit beschäftigt hat.

MJ: Was ist für euch Kunst?

JB: Oh!

RL: Willst du, dass wir streiten?

JB: Ich habe schon an so eine Frage gedacht. Bei der Kunstpause sind wir das auch gefragt worden. Ich hatte damals einen Streitpunkt herausgefunden. Nämlich, dass Robin der Kunst jegliche Funktionalität abspricht.

RL: Ja, das habe ich mal behauptet. Das glaube ich jedoch nicht mehr. Wir diskutieren über alles Mögliche und oft vertritt man einen Standpunkt, den man nicht wirklich vertritt, es braucht ihn aber für die Diskussion. Das ist dann ein Rollenspiel. Schlussendlich ist man sich zwar einig, aber man widerspricht extra, damit man diskutieren muss. Man lässt so Probleme entstehen, damit man was zu lösen hat. Es ist ein Spiel.

JB: Das ist eine Grundlage, um Sachen auszuhandeln, die man dann gemeinsam macht. Dadurch lernt man sich gegenseitig und sich selber immer wieder neu kennen. Denn sobald etwas nicht mehr im Kopf ist, sondern man eine Ausdrucksart findet, kann man sich selbst auch wieder hinterfragen, umdenken, oder merken, dass die eigene Argumentation ja eigentlich gar keinen Sinn macht. So nehmen Formen langsam Gestalt an. Vielleicht ist das ja schon eine Antwort auf deine Frage.

RL: Ich denke schon, wenn man es ein bisschen umformuliert. Uns geht es eigentlich in der Kunst schon ein bisschen darum, etwas darzustellen, oder mit etwas zu spielen, was ganz alltäglich ist, oder auch nicht, und das versuchen, zu verstehen. Es geht nicht um Autor*innenschaft, sondern um die Art und Weise, wie man etwas betrachtet. Es geht mir nicht darum, etwas zu kreieren. Sondern manchmal wirklich nur darum, etwas zu betrachten.

JB: Und trotzdem wirst du immer wieder damit konfrontiert, dass du als Autor*in dahinterstehen musst. Gerade beim Eisenbricht-Projekt habe ich wieder gemerkt, dass man eine Rolle einnehmen muss, damit dich die Leute einordnen können. Man kann jedoch mitbestimmen, wie sie dich sehen.

RL: Es ist eigentlich wie die Spitze des Eisbergs. Man sieht nur das Endprodukt, aber was alles dahintersteckt, bleibt verborgen und wird nicht gezeigt. Das ist aber auch nicht wichtig oder produktiv. Es geht darum, andere anzuregen, über etwas nachzudenken.

MJ: Also ist Kunst ein Diskurs?

RL: Das wäre dann eben die Spitze des Eisbergs. Manchmal finde ich Kunstwerke gar nicht so interessant, es gibt doch schon im «echten» Leben so viel zu beobachten, das wir nicht verstehen.

Bild: Joëlle Bischof und Robin Lütolf.
Foto: Ana Brankovic.

MJ: Wie ordnet ihr eure Arbeit ein?

JB: Interaktive Installation.

RL: Ich würde auch in Richtung Konzept gehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir nicht immer im Installativen bleiben. Ich kann das nicht so einordnen.

JB: Wichtig ist vor allem der Interaktive Part, eben ein Diskurs, zugespitzt gesagt.

RL: Die Idee ist wichtig und das Ergebnis ist dann da.

JB: Das Ergebnis ist ja auch nichts Abschliessendes, sondern etwas, worauf andere Menschen reagieren können.

RL: Ich kann das schlecht werten. Ich distanziere mich schnell davon, sobald das Ergebnis steht.

JB: Mir fällt es auch schwer, das einzuordnen.

MJ: Dann lassen wir das so stehen. Wir hatten es bereits vorhin angesprochen, als es um euer Atelier ging. Nun im Allgemeinen: Wie inspiriert ihr euch?

(Schweigen)

RL: …manchmal auch so: schweigend! (lacht) Das geht auch wieder in die Richtung: «Wer kann was besser». Wir haben unsere gemeinsamen Notizen und kopieren da auch Links rein. Die von Joëlle sind meist akademischen Ursprungs, was ich oft nicht so inspirierend finde. Ich lese die zwar auch gerne, aber bringe sie weniger in meine künstlerische Praxis hinein.

JB: Trotzdem kopiere ich Links hinein, da du vielleicht auch nur einen Satz lesen könntest, der dich dann wieder auf eine Idee bringt.

RL: Ja, ich arbeite je nach Stimmung unterschiedlich und lasse mich inspirieren. Meist nehme ich Informationen aus ihrem ursprünglichen Kontext und beginne diese dann zu «zerdenken». Kürzlich habe ich eine Konversation über eine Handyhülle mitgekriegt. Da kam die Frage auf, in welchen Farben es diese Hülle gäbe. Die Antwort darauf war: «Es gibt alle Farben». Diese Antwort, aus dem Kontext genommen, bringt mich zum Nachdenken. Gibt es alle Farben?

MJ: Was sind eure nächsten Projekte?

RL: Es geht mit «Eisenbricht» weiter. Der Fokus liegt bei uns gerade auf der Zusammenarbeit mit anderen. Wir finden es spannend, uns auf Projekte einzulassen, bei denen man noch nicht weiss, wie sie herauskommen.

Nächste Ausstellung:
PLAY ME ON STANDBY
La Voirie in Biel

7. August 2021
Mit Lisa Mark, Jonas Frey, Jonas von Arb, Joëlle Bischof und Robin Lütolf.

Links:

https://lavoirie.ch/de/
https://www.robin-luetolf.com/
https://www.joellebischof.com/