Porträt

You Are Here

Mit Kind und Kegel bricht sie nach Südafrika auf, um die artist residency von Pro Helvetia zu beziehen. Als wäre das Reisen in Corona-Zeiten nicht bereits aufregend genug, erweist sich die Region um Johannesburg auch jenseits der Auswirkungen der Apartheid als besonders geschichtsträchtig. Claudia Kübler, die Gewinnerin des Manor Kunstpreis Zentralschweiz 2022, begibt sich zur «Wiege der Menschheit».

Bild: Claudia Kübler bei der Herstellung des Steinpulvers.
Fotografiert von David Knuckey.

Wenige Klicks und die Verbindung steht. Diesmal nicht zur Arbeitskollegin, die sich in unmittelbarer räumlicher Nähe im Homeoffice befindet. Nein, es ist tatsächlich ein Ferngespräch. Google verrät, dass gegenwärtig keine Flüge verfügbar sind und empfiehlt eine Fahrtroute über Frankreich und Spanien, quer durch Ägypten, Niger und Nigeria und weiter bis zur südlichen Spitze des afrikanischen Kontinents. Auf diesem Weg ist Johannesburg über 12‘452 Kilometer in rund 170 Fahrtstunden erreichbar. «Ich bin seit zwei Wochen in Südafrika, in der artist residency». Auf dem Bildschirm strahlt mir Claudia Kübler entgegen, gemeinsam mit ihrem Partner, dem Künstler David Knuckey, und Tochter Oda Lou.

Bild: «You Are Here», work in progress im Atelier der NIROX Foundation nahe Johannesburg.
Fotografierft von Claudia Kübler.

Kübler verdankt die Reise nach Südafrika ihrer intensiven Beschäftigung mit Raum und Zeit. «Aktuell beschäftige ich mich mit dem Konzept der Deep time», erklärt sie mir. Es geht um nicht weniger als den gigantischen Zeitraum, der sich von der Entstehung der Erde bis in die Gegenwart erstreckt. Darin vollzogen sich gewaltige natürliche Veränderungen, die unsere Umwelt erst zu dem machten, was sie heute ist. Doch handelt es sich um äusserst langsame Prozesse. «Ich frage mich», so Kübler, «in welchen Zeitdimensionen wir überhaupt fähig sind, zu denken». Tatsächlich kam die Entdeckung der geologischen Tiefenzeit einem Schock gleich. Noch im 18. Jahrhundert wurde das Alter der Erde meist aus Angaben der Bibel errechnet: 6000 Jahre, so der Befund. Erst Anfang der 1950er Jahre gelang es, das Alter der Erde von rund 4.5 Milliarden Jahren wissenschaftlich zu bestimmen.

Bild: Claudia Kübler mit ihrer Tochter unterwegs im Khatlhaphi Reservat.
Fotografiert von David Knuckey.

Der Mensch wäre aber nicht Mensch, interessierte ihn nicht vor allem seine eigene Existenz und Rolle in der Erdgeschichte. Die Region westlich von Johannesburg ist diesbezüglich von besonderer Bedeutung. Nicht umsonst wird sie als «Cradle of Humankind» bezeichnet und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Vor rund zwei Millionen Jahren lebten hier mindestens drei hominine Gattungen. «Mit Paläontologen konnte ich bisher leider noch nicht sprechen», erzählt mir Kübler. «Dafür habe ich ein rötliches Gestein gefunden, das ich gerade zermalme…» Sie wendet den Laptop, wandert damit durch das grosszügige, von Licht durchflutete Atelier und richtet die Kamera auf den Boden. Zu sehen ist das «You Are Here»-Icon von Online-Karten, geformt aus pulverisiertem Stein.

Kübler plant eine «ephemere, zyklische Installation»: Durch die Bewegung der Ausstellungsbesucher*innen wird das Zeichen verwischt und in einem festgelegten Rhythmus von der Künstlerin wieder neu gebildet. Es ist der Entwurf einer ersten Arbeit, deren Symbolcharakter weitreichend ist: Es geht um den Versuch einer Verortung in Zeit und Raum, für den die «Wiege der Menschheit» geradezu beispielhaft steht. Die Thematik tangiert aber auch die (Selbst-)Deutungskrise postmoderner Gesellschaften. Wie weiter im Anthropozän? Oder wie könnte ein nicht-anthropozentrisches Zeitverständnis aussehen? GPS verortet uns zwar punktgenau auf dem Globus. Wo wir als «Menschheit» stehen, ist hingegen eine ganz andere Frage.