Portrait

Thi My Lien Nguyen – Within, With and Between

Sie fühlt sich zwischen den Welten zu Hause und findet Kategorien schön, aber unnötig. My Lien rantet auch schon mal über Kunst ohne Aussage und Geschichten über und nicht von Minderheiten nerven sie. Ein Porträt über eine visuelle Geschichtenerzählerin.

Nicht ‹Fotografin› lautet My Liens Selbstbezeichnung, sondern ‹lens-based artist› – ein vieldeutiger Ausdruck. «Ich finde es unglaublich schwierig, mich selber zu beschreiben. Es ist auch vom Kontext abhängig, ob ich nun Fotografin oder Videografin bin», sagt die in Winterthur lebende Künstlerin. Diese professionelle Offenheit verdankt sie auch ihrer Ausbildung in ‹Camera Arts› an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. «Wir wurden nie in eine Richtung gepusht, in der man die Kategorien ganz klar voneinander trennen würde».

Thi My Lien Nguyen, Familienausflug zum Seealpsee in Appenzell, um 2004, 2017, aus der Serie „Hiếu thảo – With love and respect“.

Dies zeigt sich auch in ihrer Bachelor-Arbeit «Hiếu thảo – With love and respect» von 2017, die im Jahr darauf als solo show im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona ausgestellt worden ist. Mit einem geradezu ethnografischen Blick setzt sich die im Thurgau aufgewachsene Schweiz-Vietnamesin mit ihrer Familiengeschichte auseinander. Fotografien, die Situationen und Gegenstände des Alltags inszenieren, kuratierte Bilder aus Familienalben, alte Zeitungsartikel und offizielle Dokumente, aber auch mündlich tradierte Geschichten ihrer Mutter und Grossmutter verbinden sich zu einer facettenreichen visuellen Erzählung des Aufbruchs, der Aufnahme und des Aufwachsens. Eine reflexive Selbstbefragung über ein Leben in verschiedenen Kulturen, mit der jeweils anderen Kultur und dadurch zwischen den Kulturen.

Aus scharfen Grenzen wird ein offener Grenzbereich. Ihre Arbeitsweise siedelt sie «between the fine line of documentary and photographic art» an. Im Zwischenraum von Dokumentation und Kunst, aber auch von Journalismus und Storytelling. «Die Frage nach den Kategorien finde ich sehr schwierig, manchmal auch unnötig. Es ist zwar irgendwie schön, dass es sie gibt, aber sie sprechen mich nicht an. Ich möchte diese Unterscheidungen auch hinterfragen». Sie bringt das Dokumentarische in die Kunst, weil sie Geschichten erzählen will. Und die Kunst in das Dokumentarische, weil sie frei in der Form sein will. «Genau dieses Zwischen-den-Welten-sein macht mir unheimlich viel Spass».

Thi My Lien Nguyen Am 5. Juli 2020 in Winterthur an der BBQ Edition des Milis Supperclubs.
Foto: Raisa Durandi

In der Welt der Kunst fühlte sie sich jedoch zu Beginn nicht dazugehörig. Sie erschien ihr als Luxus, den sich nur derjenige Teil der Gesellschaft leisten kann, der keine materiellen und finanziellen Sorgen hat. Gleichzeitig aber fühlte sie sich darin wohl, weil die Kunst ihr eine Freiheit der Form bot, die ihr Medien und Kund*innen nicht bieten konnten. Dennoch ist das rein formale Spiel des l’Art pour l’Art nicht das ihre. «Für mich ist es wichtig, dass eine künstlerische Arbeit eine Aussage hat».

Letztlich geht es ihr um Geschichten: «Als ‹visual storyteller› führe ich nicht nur aus, sondern wähle selbst aus, welche Story wichtig ist, welche Stimme wichtig ist oder welche Menschen repräsentiert werden sollen». Fragen, die in den Medien und auch in der Kunst gestellt werden müssen, aber noch viel zu wenig gestellt werden. Ihre Antwort auf die Frage, welche Stories noch viel häufiger erzählt werden sollen, ist klar: «Wir müssen definitiv mehr Geschichten von Minderheiten in der Schweiz erzählen.» Vor allem müssen sie tiefer gehen, als Fragen wie «Was machst das mit Dir, wenn du gefragt wirst: ‹Woher kommst du?›». Es sollen Geschichten erzählt werden, die einen Einblick in eine Realität geben und zwar aus dem Blick derer, die in dieser Realität leben. Die Realität der postmigrantischen Gesellschaft, die die Schweiz ist.

Geschichten, die nicht zuletzt durch den Magen gehen. So würde My Lien als Gastgeberin von Mili’s Supper Club die trans-kulturellen Geschichten laotisch-vietnamesischer Gerichte erzählen, wäre nicht die Corona-Krise. Diese traf auch sie schwer. Für die Zeit nach Corona möchte sie schliesslich noch ein anderes Herzensprojekt verfolgen: «Seit längerem hege ich in Gedanken das Projekt, die Diaspora der schweiz-asiatischen Künstler*innen und Kulturschaffenden zusammenzubringen».

Links:

https://myliennguyen.ch
https://milissupperclub.wordpress.com/