Interview

Piet Baumgartner – Maschine? Kunststück!

«Es macht keinen Sinn 200 Teekocher miteinander in einen Raum zu stellen», sagt Piet Baumgartner und verwandelt die Zürcher Wasserkirche in ein Soundmeer aus 200 Teekochern. Ein Portrait über einen unkonventionellen Künstler mit einem Faible für Maschinen.  

Piet Baumgartner lädt gerne zum Tee ein.
Foto: Tatjana Rüegsegger

«Eine Porsche-Zähler-App und das Auto mit seinem Preis versehen; Eine Choreografie mit Elektrozahnbürsten; Etwas mit Kopierer oder höhenverstellbaren Schreibtischen», liest Piet Baumgartner aus der Notizen-Application auf seinem Smartphone vor. Baumgartner ist Beobachter – in seiner Arbeit als Regisseur, freier Autor und transdisziplinärer Künstler – er sieht, greift auf und wandelt um. «Oft beginnt es mit einem Gedanken, einer Idee oder in meinem Fall mit einem Bild, das klingen oder bewegt sein kann und das ich dann zu visualisieren versuche», erklärt Baumgartner den Anfangsprozess seiner Arbeit.  

Die Liebe für die Maschine 

Die Notizen auf seinem Telefon, frühere Arbeiten, die zwei verliebte Bagger beim Ballett tanzen zeigen oder eine Tennismaschine als Stresstest für Anzugträger*innen: Die Maschine zieht sich thematisch durch Baumgartners kreatives Schaffen. Die Liebe dafür kommt nicht von ungefähr: Aufgewachsen in einem Kaff mit mehr Kühen als Einwohner*innen, mit einem Vater, der ein Maschinengeschäft besitzt, Erfinder und Tüftler ist, schliesst der Künstler zunächst eine Lehre als Maschinenzeichner ab, bevor es ihn zum Fernsehen verschlägt und er Journalismus studiert.

Aber auch diese Arbeit befriedigt seinen Drang, Geschichten zu erzählen nicht. Zu sehr kann er da nur an der Oberfläche kratzen, sie nicht zu Ende erzählen. So findet er den Weg zum Film und einem weiteren Studium. «Die Faszination von Maschinen kommt von meinem Vater. Ich finde an Maschinen schön, dass man sie von ihrem ursprünglichen Nutzen entkoppeln und entfernen kann. Das macht die Maschinen irgendwie menschlich», sagt Piet Baumgartner.  

Piet Baumgartner, eine Teetasse und der Arm von Raffaela Kolb.
Foto: Tatjana Rüegsegger

Einladung zum Tee 

Neben Leben sucht Baumgartner in den Maschinen nach Poesie. In seiner neuesten Arbeit, einer Sound- und Kunstinstallation mit dem Namen «Bittersweet Tea Symphony» bringt der Künstler im Oktober in der Zürcher Wasserkirche 200 Teekocher zum Brodeln: «Ich versuche Poesie zu machen und Emotionen auszulösen. Es mag weit hergeholt klingen, aber für mich geht es darum, neue Welten zu erschaffen, etwas, was in der normalen Welt nicht geht. Es macht keinen Sinn 200 Teekocher miteinander in einen Raum zu stellen, aber zusammen sind sie so schön und ziehen die betrachtende Person in sich hinein.»

Das dampfende Soundmeer ist eine Kollaboration mit dem Musiker Rio Wolta, eine Zusammenarbeit, die ebenso harmonisch und poetisch ist, wie ihre Kunst: «Rio Woltas Musik und meine Bilder – wenn das zusammenkommt, beginnt es sich zu drehen und zu bewegen. Er macht sehr bildhafte Musik und meine Bilder sind sehr musikalisch und choreografiert», erklärt Piet Baumgartner.  

Die Teekocher in der Kirche sollen verschiedenste Menschen einladen und unterschiedlichste Gedanken auslösen; ob emotional, technisch, über Form oder Farbe. Baumgartner dazu: «Die Gedanken sind frei und ich habe nicht vor mit meiner Kunst etwas vorzugeben. Sie ist ein Angebot.» 

Eine Prise Egoismus 

Piet Baumgartner ist Künstler und Handwerker im Herzen, geht neue Projekte unkonventionell und nicht konzeptionell an, versucht, testet und daraus ergeben sich neue Dinge, für die er dann das passende Medium, den passenden Kanal sucht, sei das Tanz, Film, Bühne oder Kunst. «Meine Kunst ist intuitiv, ich habe ein Bild im Kopf, an das ich glaube, weil es spannend und überraschend, visuell und soundmässig gut ist. Dann probiere ich aus. Darum arbeite ich auch transdisziplinär. Im Grunde ist es mir egal, ob Mensch oder Maschine, Hauptsache ich sehe der Sache gerne beim Bewegen zu. Meine Arbeit ist auch ein bisschen egoistisch.» 

Bildschirmfoto von Piet Baumgartners Instagram.

Links:

https://pietbaumgartner.com/
https://pietbaumgartner.com/work
https://www.tatjanarueegsegger.ch/