Reflexion

Der Zwang zur Isolation — Überlebt die Kunstwelt einen Lockdown?

Die Schweiz befindet sich in einem Ausnahmezustand. Und damit steht sie nicht alleine da. Länder rund um den Globus sind von der Covid-19-Pandemie betroffen. Tendenz trotz Abflachung noch immer leicht steigend. Rund vier Wochen sind nun vergangen, seit der Bundesrat die ausserordentliche Lage verhängte. Niemand rechnete damit. Wer hätte gedacht, dass wir uns jemals in solch einer Situation befinden werden?

Unter dem Hashtag #stayathome gibt es auf den Sozialen Medien etliche Bewegungen und Aufrufe, Zuhause zu bleiben und damit Leben zu retten. Kunstschaffende und kleinere Institutionen scheint es besonders getroffen zu haben. Einige kämpfen bereits jetzt um ihre Existenz.

Wir haben nachgefragt, wie es unseren Kunstschaffenden und Kooperationspartnern ergeht.

Tim Hergersberg arbeitet, wie viele Künstler, in einem sogenannten «Brotjob». Doch auch dort wird momentan nicht gearbeitet. Ein wenig Lohn erhält er trotzdem. Die frei gewordene Zeit nutzt der Zürcher für den Umzug seines Ateliers. «Falls der Lockdown länger anhalten sollte, kann ich dort in Ruhe arbeiten», sagt er. Eine geplante Ausstellung mit Luca Harlacher und Michaël Reinhold musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Hergersberg bedauert dies, ist jedoch dankbar für seine Gesamtsituation.

Inmitten des Atelier-Umzuges von Tim Hergersberg.

Finanzielle Ausweichmöglichkeiten

Für den Künstler Aramis Navarro hat sich nicht viel geändert. Da die Wohn- und Arbeitssituation dieselbe ist, kann der Rapperswiler nach wie vor Zuhause arbeiten. Denn dort ist auch gleichzeitig sein Atelier. Seine Materialien lässt er sich wie gewohnt liefern. «Mein natürliches Habitat war schon immer eine Quarantäne», sagt Navarro. Denn diese Voraussetzungen sind perfekt, sich zu isolieren. Leider wurden insgesamt drei Ausstellungen abgesagt, von denen er Teil gewesen wäre. Für eine davon hätte er nach Singapur reisen dürfen. Diese könne aber noch auf den Sommer 2021 verschoben werden. Das fände er toll. Für ein vorübergehendes Einkommen begann der Rapperswiler Siebdruckserien herzustellen, die er online in kleinen Auflagen zum Verkauf anbietet. Damit gestaltet er das Zuhause der Bevölkerung mit. Denn nie wurde so viel Zeit daheim verbracht, wie jetzt. Ein Grund, es sich so richtig gemütlich zu machen.

Aramis Navarro zeigt seine Begeisterung für die Folgen der Isolation.

Schon etwas länger in Isolation befindet sich Janet Mueller . Die Künstlerin aus Zürich zeigte bereits vor dem Lockdown Grippesymptome und blieb gleich Zuhause. Eigentlich wäre sie jetzt gerade in ein neues Atelier umgezogen. Schade! Nun gestaltet sie kompromissbereit kleinformatige Zeichnungen mit dem, was sie Zuhause hat. Die mit ihrem Freund geteilte 3.5-Zimmer Wohnung wirkt dabei kleiner als auch schon. Wände, Böden und der Balkon werden je nach Stimmung und Wetter als Arbeitsfläche gebraucht.

Janet Mueller arbeitet schnell. Während ihrer Isolation entstanden bereits fast 100 Werke. Es sind Gesichter, wie sie sie so gerne zeichnet. Um den Anschluss an die Aussenwelt aufrecht zu erhalten, hat sie ein kleines Projekt auf Instagram gestartet. Sie postet jeden Tag eines dieser Gesichter und bietet die Möglichkeit auf einen Austausch an: «Ich sende das Original zu und wer Lust hat, kann mir antworten, egal ob in schriftlicher oder kreativer Form», sagt sie.

Janet Mueller ist momentan besonders schaffensfreudig.

Kampf um die Existenz

Ein anderes Projekt startete Dominik Ruegg – auch bekannt als Drüegg – gemeinsam mit anderen Schweizer Kunstschaffenden. Im neu gegründeten Onlineshop supportyourlocalartist.ch bieten sie gemeinsam Shirts, Prints, Postkarten, Plakate, Bücher und Stickers an. Eine kleine Einnahmequelle in dieser Krisenzeit. Er selbst arbeitet zurzeit von Zuhause aus. Es wäre zwar möglich, in seinem Atelier im Haus zur Ameise in St.Gallen zu arbeiten, doch da seine Partnerin auch im Home-Office arbeitet, tut er es auch. Der kleinste soziale Kontakt scheint momentan viel wert zu sein. Aufträge hat er noch und auch sein Nebenjob im Kulturbüro St.Gallen kommt ihm momentan zu Gute. Sein Ausstellungsraum, das Haus zur Ameise , musste gezwungenermassen die Tür vorübergehend schliessen. Zwei Ausstellungen können deshalb nicht durchgeführt werden. «Wir hoffen jedoch diese noch nachholen zu können», sagt Rüegg.

Künstler Dominik Rüegg aus St. Gallen.

Ähnlich ergeht es der TART in Zürich. Der Ausstellungsraum von Catrina Sonderegger und Valentina De Pasquale fiel ebenfalls den Massnahmen des Bundesrates zum Opfer. Die Ausstellung Untitled II mit Janet Mueller musste kurz nach Eröffnung unterbrochen werden. Um ihrer Community trotzdem Stoff zu bieten, weichen sie in die digitale Welt aus. Auf ihrer Website und den Social-Media-Kanälen posten sie Kunstschaffende, wie sie in der Isolation arbeiten, die sie via Aufruf erhalten haben. Doch dies ersetzt leider keinen Ausstellungsbetrieb.

«Wir kämpfen leider um unsere Existenz»

CATRINA SONDEREGGER, TART ZURICH
Catrina Sonderegger vom Ausstellungsraum TART.

Dabei stehen sie nicht alleine da. Im Austausch mit anderen Galerien und Institutionen im Raum Zürich stösst die Geschäftsführerin der TART auf ähnliche Szenarien. Die Ungewissheit, wie es weiter geht, ist gross. «Auch nach der Abflachung dieser Krise wird es wahrscheinlich eine Weile dauern, bis der Kunstmarkt wieder Normalität erreicht hat», so Sonderegger. Denn auch hier entstehe eine Kettenreaktion, wie sie auch in anderen Branchen auftauche.

Neue Modelle sind also gefragt. Wie auch in der Kooperation von Network of Arts und der TART vergangen September diskutiert wurde, wird Kunst zukünftig in einer neuen Form vermittelt. Diese Krise scheint die Kunstwelt dazu zu zwingen, ihre Strategien zu überdenken. Vielleicht ist dies der Start in eine neue Richtung und das Ende von alten Denkmustern.