Portrait

Valentin Beck — Tendenzen erkennt man auch in einem Fermentierungsprozess

Ein Blick auf Zeichnungen von Valentin Beck reicht oft nicht aus, um seine Assoziationen dahinter zu verstehen. Zunächst erkennt man ein Gewirr an Bleistiftstrichen und expressiven Farbfeldern auf Papier. Seine Werke laden zum Verweilen ein. Ähnlich scheinen seine Gedankengänge zu sein. Sie eröffnen neue Blickwinkel auf gesellschaftliche Vorgänge und erfordern Aufmerksamkeit, damit man ihnen folgen kann. Seiner Rolle ist sich Beck bewusst: Er gibt Impulse, möchte inspirieren und zum Nachdenken anregen.

“Nachbesserung” (2018)

Beck selbst erklärt seine zeichnerischen Auseinandersetzungen als sehr intuitiv. Er habe kein Konzept, wenn er zu zeichnen beginne. Was für ihn zähle, ist die Entstehung und die Zündung, die schliesslich Neues ins Rollen bringe. Ein Endresultat gäbe es nie. Genau so sei es in der Gesellschaft. „Eine Kultur entsteht dann, wenn verschiedene Individuen aufeinandertreffen und sich gegenseitig beeinflussen“, sagt Beck. Dabei vergleicht er die Gesellschaft mit einem Fermentierungsprozess. Auch dort entstehe ein Stoffwechsel, wenn verschiedene Bakterien aufeinandertreffen. Dieser Prozess könne auch toxisch sein. Doch den absoluten oder totalen Fermentierungsprozess gebe es nicht. Auch hier gebe es kein Ende, nur Zwischenschritte und Tendenzen. So sei jede gesellschaftliche Kultur anders. Genau danach suche er.

Doch was hat das mit Kunst zu tun? „Der Prozess liegt im Fokus. Ich weiss manchmal selbst nicht, was ich da tue“

Valentin Beck

Denn beim künstlerischen Schaffen lässt er sich komplett auf diese Phasen und Tendenzen ein. Auf die gleiche Weise widmet er sich der Musik. Auch hier musiziert Beck ohne zu wissen, wie das Endprodukt letztlich klingt. Die Kunst sowie die Musik stellen damit starke Kontraste zu seiner Tätigkeit als Lehrer dar. Dort sei alles strukturiert und konzeptuell. Das führt gemäss Beck oft zu einem Clinch zwischen seiner Aufgabe als Autoritätsperson und gesellschaftskritischem Künstler.

“ein Aufenthalt in Wien” (2018)

Selbst in dieser konzeptuellen Tätigkeit als Lehrer hinterfragt Beck die Strukturen der Bildung. Ähnlich wie bei Kulturen – oder eben Fermentierungsprozessen – stellt er sich hier vor allem die Frage: Wie bildet sich jemand? Wieder seien die Schülerinnen und Schüler auf einen Impuls, in diesem Falle von der Lehrperson angewiesen, um sich zu entfalten und weiterzubilden. Beck erkennt diese Muster überall in der Gesellschaft. Kreisläufe ergeben, öffnen und schliessen sich. Es überrascht somit nicht, dass er sehr gerne und oft unterwegs zeichnet. Mit dem Nötigsten wie Papier und Stifte ausgestattet, bleibt er flexibel und entdeckt neue Richtungen, Entwicklungen und Tendenzen. Dabei hält er sich auch gerne in der Natur auf, um sich erneut auf künstlerische Ideengänge und Prozesse einzulassen. Beispielsweise zeichnete er einige Kreise in Sand, Kies und Gesteine und kombinierte Naturgegebenes mit individuellen, persönlichen Eingriffen. So wird die Natur Teil seines künstlerischen Schaffens. Auch mit seiner Form der „Street Art“ beschäftigt er sich mit dem Schliessen von Kreisläufen. Denn ein Kreis sei schliesslich erst ein Kreis, wenn er geschlossen ist.

“o.T. (Cadenazzo – Zürich)” (2019)

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